Der Herthazwerg

Was soll ich sagen? Es ist etwas passiert.

Am Montagabend, als ich den letzten Eintrag geschrieben habe, hat Konstantin plötzlich einen Riesenstreit vom Zaun gebrochen. Auslöser war, dass er kapiert hat: Sein Sohn war das erste Mal in seinem Leben im Stadion. Und das ohne ihn. Ich weiß nicht, ob das ein Männer-Ding ist oder ein Konstantin-Ding, aber offensichtlich bereitete er sich (und Ben) mental schon seit zwei Jahren auf diesen großartigen Moment vor und jetzt hatte ich ihm alles versaut. Er hatte dafür eigentlich die Saison-Eröffnung 2013 (!) ins Auge gefasst. Ben wäre Vier, es wäre Sommer, die Hertha am Anfang der Saison noch frisch usw. Mir war das alles gar nicht klar. Es muss so dramatisch für Konstantin gewesen sein, dass er alleine deswegen mit dem Türen knallen angefangen hat. Das ist sonst MEIN Part. Er macht das nicht. Aus irgendeinem Grund hat mich das am Meisten verstört.

Das war aber noch nicht alles. Er hat mir ungefähr eine halbe Stunde Beschimpfungen an den Kopf geworfen, auch darüber, dass ich ihm gar nichts gesagt habe, Vertrauensbruch und dann auch noch dieser „beschissene Herthazwerg“, (den wir Ben gekauft hatten und der mittlerweile im Müll gelandet ist). Offensichtlich ist ein Herthazwerg das mit Abstand dümmste, was man kaufen kann. Okay, aber DANN kam es. Als er gerade ziemlich den Klugscheißer machte und mir ausführlich erklärte, dass ein Zweijähriger 90 Minuten gar nicht durchhalten kann, erst recht nicht bei dieser Kälte, hab ich lapidar geantwortet:
„Das war kein Problem. Ben saß die ganze Zeit vergnügt auf Stefans Schoß.“

Da war der Ofen aus. Jeglicher Ofen. Denn jetzt kam alles raus, was sich in den letzten Wochen wegen meines vermeintlichen Chefs Stefan Müller (=Malo) bei Konstantin angestaut hatte. Wegen der Geburtstagsparty, dem Abendessen und der Arbeit überhaupt. Ich will das hier nicht alles wiedergeben, es war teilweise echt beleidigend und verletzend. Beleidigend für Malo, verletzend für mich. Und gipfelte in dem Vorwurf, dass ich eine Affäre mit Malo habe.

Das hab ich natürlich bestritten, aber nachdem ich Malo ja nunmal bereits geküsst hatte, muss es vielleicht etwas zu halbherzig geklungen haben. Beziehungsweise Konstantin war eh nicht zu bremsen. Er ist dann aus dem Schlafzimmer ausgezogen. Und hat gestern den ganzen Morgen nicht mit mir geredet. Nach dem Restaurant ist er nachts dann gar nicht erst nach Hause gekommen und nachdem es dann heute morgen wieder nur ein paar bissige Sprüche gab und sonst nichts, bin ich total aufgelöst zur Arbeit gegangen. Zu Malo.

Na ja, was soll ich sagen. Montagabend habe ich die Affäre noch bestritten. Mit Recht, wie die Leser hier wissen. Jetzt könnte ich das nicht mehr so einfach tun. Wie gesagt: Es ist etwas passiert.

Nur nach Hause …

Ich hab heute nur kurz Zeit. Konstantin bringt gerade Ben ins Bett und ich will die Gelegenheit nutzen, über meinen Besuch „bei der Hertha“ zu berichten. Ich hoffe, es erwartet jetzt keiner ernsthaft, dass ich etwas zu dem Fußballspiel sage, obwohl es angeblich sogar spannend und toll und „rassig“ war, wie ich in der U-Bahn gehört habe. Interessanter ist aber sicherlich, wie sich meine „beste Freundin“ Anja verhalten hat, nachdem sie uns das ja alles eingebrockt hatte.

Erstmal: Es war SAUKALT. Irgendjemand meinte zwar, es geht noch schlimmer, aber der stand wahrscheinlich im zweiten Weltkrieg vor Stalingrad oder so. ICH finde es nicht so toll, zwei Stunden bei gefühlten 0 Grad herumzusitzen. Ben war erstaunlicherweise am Wenigsten genervt. Das mit dem Fußball hat ihn zwar nur fünf Minuten interessiert, aber er saß die ganze Zeit auf Malos Schoß, dann ist er sowieso immer absolut zahm. Wer sich sehr offensichtlich auch auf Malos Schoß gewünscht hat, war natürlich Anja.

Es ging schon vor dem Spiel los, als sie ihn zu Glühwein überredete und dann ständig anzügliche Bemerkungen darüber machte, dass man sich auf den Plätzen nachher gegenseitig wärmen kann und so. Dummerweise (aus ihrer Sicht) hatte sie uns die Tickets gegeben, ohne draufzuschauen, was dazu führte, dass die Sitzreihenfolge Malo, ich, Anja war. Sie hat dann allen ernstes auf der Tribüne angefangen zu diskutieren, ob man das nicht irgendwie tauschen kann oder zumindest Malo in die Mitte nimmt. Ich hab mich schlichtweg geweigert, irgendwas zu ändern. Um uns die Leute guckten schon komisch, weil wir immer heftiger stritten. Plötzlich wurde es dann sehr laut und Ben war total begeistert, weil jetzt alle anfingen zu singen – damit war die Diskussion beendet. Seitdem ist das hier mein neues Lieblingslied:

Nur nach Hause

Dann wurde es aber erst richtig anstrengend. Denn Anja versuchte die ganze Zeit, sich mit Malo zu unterhalten. An mir vorbei. Während er – ziemlich ernsthaft, aber auch erfolglos – versuchte herauszubekommen, was der Reiz des Spieles / Stadionbesuchs war. Zugegeben: Ich war so angespannt, dass ich mich die ganze Zeit vor- oder zurückbeugte, damit die Beiden nicht reden konnten. Mir wurde das allerdings erst bewusst, als Anja sich anbot, um noch einmal Glühwein zu holen. Beziehungsweise nachdem sie gescheitert war, mich (die Schwangere!) zu schicken und dann selbst gehen musste. Kaum war sie weg, lächelte Malo mich breit an. Er sagte:
„Ist es schlimm, dass ich das schön finde?“
„Was? Fußball? Anjas Gequatsche?“
„Nein. Dass du eifersüchtig bist.“
Er schaute mich mit diesen funkelnden Augen an, die ich schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Mir wurde dann doch wieder warm.
„Ich bin nicht eifersüchtig“, sagte ich vielleicht etwas zu trotzig.
Er lächelte mich noch einmal an. So männlich und wissend. Ich kam mir vor wie ein Teenager und mir wurde bewusst: Ich verhielt mich wie ein Teenager. Da gab es keine Zweifel. Ich atmete einmal tief durch und ging in die Offensive:
„Und wieso findest du das schön?“
„Muss ich dir das wirklich erklären?“
Ja, jetzt war mir warm. Dann kam Anja wieder. Und ich war um 100% entspannter. Ließ es sogar zu, dass sie sich nach der Halbzeit (in der wir Ben im Fanshop einen Fanzwerg gekauft haben) neben Malo setzte. Denn er hatte Recht: Wovor hatte ich eigentlich wirklich Angst?

Oh, ich muss raus. Hier gibt es gerade Ärger. Konstantin hat den Fanzwerg entdeckt und jetzt endlich kapiert, dass wir wirklich im Stadion waren. Bisher dachte er, dass wäre eine Kinderspinnerei von Ben. Aus irgendwelchen Gründen tickt er jetzt vollkommen aus. Er ist hier gerade Türenknallend abgerauscht. Das macht er sonst nie! Was soll DAS denn jetzt?

Anja

Der Abend mit Anja war gar nicht das Problem. Sie war vorgestern hier. Wir haben einen gemütlichen „Mädchen-Abend“ gemacht mit einem Glas Weißwein (den ich mal wieder simuliert habe) und Geschichten über Männer. Sie hat mir von ihren neusten dramatischen Affären berichtet. (Anja hat auf einer Dating-Seite ihren Nachbarn (!) empfohlen bekommen – wie wahrscheinlich ist das? Und trotzdem was mit ihm angefangen= Desaster.) Im Gegenzug erwartete sie dann die „schmutzigen Details“ von Malo und mir, bzw. sie kennt ihn ja als meinen Chef Stefan Müller. Wie von den Leserinnen hier empfohlen, hab ich NICHT alles preisgegeben. Das mit dem Kuss und meinen Gefühlen runtergespielt und schon mal überhaupt nichts davon erzählt, dass er E.T. ist. Das hat sie sich alles sehr aufmerksam angehört und dann mit erstaunlich wenig Nachbohren geschluckt.

Die Quittung kam dann gestern. Ich hatte es tunlich vermieden auf ihre mehr oder weniger geschickten Nachfragen nach der Lage unseres Büros irgendwas konkretes zu sagen. Aber ich muss dann doch irgendwo in einem Nebensatz erwähnt haben, dass wir gerne in der Mittagspause in die Markthalle gehen, weil man dort leckere vegetarische Sachen für ihn findet. Und als wir dann gestern am Bio-Buffet saßen und eine vegetarische Reispfanne aßen, kam – was für ein Zufall – Anja vorbei.

Malo hat natürlich geglaubt, dass es ein Zufall war, sie dazu gebeten und schon war ich abgemeldet, denn sie hat ihn nach feinster Anja-Art angeflirtet. Aber das ist noch nicht alles. Wir hatten uns nämlich soeben über Fußball unterhalten. Ja, schon wieder. Das Thema lässt Malo nicht los. Am Vorabend war in irgendein Fußballspiel im Fernsehen gestolpert und rätselte nach wie vor darüber, warum die ganzen Leute bei der Kälte dort rumstanden und auch noch so gut gelaunt waren. Da sagte Anja plötzlich:
„Wir können doch mal zur Hertha gehen.“

Es war mir ehrlich gesagt neu, dass Anja überhaupt wusste, dass es in Berlin einen Fußballverein mit dem Namen „Hertha“ gibt. Im Vergleich zu ihr bin ich geradezu fanatisch am Fußball interessiert. Sie hasst es nicht nur, sondern kennt weder die Abseitsregel noch überhaupt eine Regel. Und dann haut sie so eine lockere Formulierung raus, als ob sie das jede Woche macht. Das Dumme war, dass Malo WIRKLICH nicht wusste, dass man das in Berlin machen kann und sofort angefixt war. Plötzlich hatte Anja ihr iPhone in der Hand und fand raus, dass die Hertha sogar am Samstag spielt. Und:
„Mein Chef kann uns Karten besorgen. Der ist da irgendwas Wichtiges.“
War natürlich komplett gelogen. Klang aber wie eine einmalige Chance. Malo war begeistert. Ich wollte abwiegeln, woraus Anja den Vorschlag ableitete, dass sie ja auch alleine mit Malo hingehen kann. Sie schauten mich beide an.
Na ja, was soll ich sagen: Wir gehen alle zusammen am Samstag zur Hertha.

Eine dunkle Begierde

Ich kann im Moment nicht darüber klagen, dass ich zu wenig Filme gucken. Schließlich tue ich bei der „Arbeit“ so gut wie nichts anderes. Trotzdem war es etwas besonders, dass ich gestern im Kino war. Zum ersten Mal seit gefühlten Monaten. Wenn man ein Kind hat und einen Mann, der abends meist arbeitet, ist das der pure Luxus.

Ich war aber nicht mit meinem Mann im Kino. Und auch nicht mit dem anderen Mann, der gerade mein Leben auf den Kopf stellt. Sondern mit meiner besten Freundin Anja. DAS ist das eigentliche Problem. Seit ihrer Begegnung mit Malo bei Bens Geburtstag, will sie mich unbedingt “mal wieder” treffen. Ich wusste sehr genau, warum ich dieses Treffen vermied. Gestern hat sie mich dann reingelegt. Sie hat auf dem Festnetz angerufen. Sonntagvormittag kurz nach der „Sendung mit der Maus“, wohlwissend, dass Konstantin diese immer mit Ben schaut und deswegen nicht nur zu Hause sein würde, sondern auch in der Nähe des Telefons. Ihr Plan ging auf: Konstantin ging dran, sie plauderten und Anja ließ fallen, dass sie ja „so gerne“ mal wieder mit mir ins Kino gehen würde, aber ich hab ja abends nie Zeit. Konstantin – nach wie vor um gute Laune bei seiner schwangeren Frau bemüht – bot sofort an, am Abend auf Ben aufzupassen, damit wir beide uns mal so richtig amüsieren können.

Tja, amüsieren. Das ging dann so: Anja hatte „Eine dunkle Begierde“ ausgewählt. Wahrscheinlich wegen des Titels. Denn ihr war klar, dass da irgendwas heimliches läuft, seit sie mir für DEN Abend ein Alibi gegeben hatte. Vom Film hab ich nicht allzu viel mitbekommen. Nur dass Keira Knightley als psychisch Kranke so intensiv gespielt hat, dass es mich körperlich anstrengte. Wahrscheinlich aber nur halb so sehr, wie die Leute hinter mir angestrengt waren, weil Anja die ganze Zeit gequatscht hat. Der Film fing um Acht an. Ich war erst zehn vor Acht da, um zu langen Unterhaltungen aus dem Weg zu gehen. Also redete Anja eben WÄHREND des Films. Ich hätte es ahnen müssen. Sie ist schließlich der einzige Mensch, den ich persönlich kenne, der während eines Kinobesuchs ans Handy geht.

Sie fragte also immer wieder nach meinem Chef Stefan Müller (alias Malo). Erst mehr oder weniger geschickt wie denn die Arbeit mit ihm ist, wieso er denn so gut mit Ben kann, was Konstantin über ihn denkt usw. Ich wich aus oder hielt die Antworten knapp. Auch den Leuten hinter uns zuliebe. Als die auch noch anfingen „sch“ zu machen und Anja sie anzischte, dass sie leise sein sollen (!), reicht es mir dann:
„Ja, verdammt, ich war kurz davor, mit ihm eine Affäre anzufangen. Hab ich aber nicht. Jetzt gib endlich Ruhe!“
Passenderweise fing dann Jung (Michael Fassbender) auf der Leinwand eine Affäre mit seiner Patientin (Keira Knightley) an. Was in dem Fall mindestens genauso verboten war wie in meinem. Allerdings trotz Psychoanalyse-Problematik nicht halb so kompliziert. Aber man kann Anja nicht mit den Worten „Es ist kompliziert“ abspeisen. Es geht einfach nicht. Ich musste nach dem Film zwar die Müdigkeit nicht einmal vortäuschen, wegen der ich schnell nach Hause wollte. Doch dafür sind wir nun für morgen Abend verabredet. Sie kommt zu mir, wenn Konstantin im Restaurant ist und Ben schläft. Um sich ALLES erzählen zu lassen.

„Jedes schmutzige kleine Detail“ wie Anja sagte. Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin, jemandem die ganze Wahrheit zu sagen. Wir werden sehen …

Sieben

Hier nun endlich der weitere Bericht von Sonntagabend. Am Besten erst den letzten Eintrag lesen.

Kaum war Konstantin losgefahren, um das Medikament gegen Bens Pseudokrupp aufzutreiben, holte Malo das berühmte schwarze Kästchen aus seinem Jackett. Das Gerät, mit dem er bereits die Gesundheit meines ungeborenen Kindes diagnostiziert hatte und durch das mir ein unfassbarer Blick in seine Welt geboten worden war. Während er es an Bens Kopf hielt, sagte er voller Respekt:
„Konstantin ist ein guter Vater!“
Er sagte es fast etwas kritisch. Ich war noch viel zu aufgewühlt, um sofort zu kapieren, was er mir sagen wollte. Ich nickte nur.
„Ich hatte einen anderen Eindruck. … Durch dich!“
Jetzt kapierte ich den Vorwurf. Ja, das stimmt. Nach außen reg ich mich gerne über Konstantin als Vater auf. Sicher auch hier viel zu viel. Denn im Grunde: Er IST ein guter Vater. Er liebt Ben über alles. Er hat einfach nur viel zu wenig Zeit und hasst dies am Meisten selbst. Genau das erklärte ich Malo, während er Ben weiter mit dem schwarzen Kästchen abfuhr.

Er sagte nichts zu meiner kleinen „Beichte“, sondern:
„Es IST … Pseudokrupp. Ihr braucht das Zapfchen nicht. Ben wird es besser gehen.“
„Zäpfchen. Das ist so ein …“
Ich zog es vor, das nicht zu erklären, wenn er so etwas nicht kannte. Offensichtlich reicht es auf seinem Planeten, die komische Kiste an den Kopf zu halten.
„Was hast du mit ihm gemacht? Wieso braucht er kein Zäpfchen?“
„Das … Zäpfchen gibt Kortison. Der Körper hat selbst Kortison. Ich hab die Produktion angeregt.“
Er deutet auf das Kästchen, was nun wieder in seinem Jackett verschwand. Dann nahm er Ben und ging mit uns zusammen wieder nach drinnen. Er machte dies alles mit einer seltsamen Routine. So dass ich fragte:
„Bist du im Nebenberuf Kinderarzt?“
Er lächelte und sagte:
„Nein, nein, ich … Ich bin … Ich habe darüber gelesen.“
Okay, diesmal war es ZU offensichtlich. Das Stocken. Das plötzliche Weggucken. Allmählich weiß ich, wenn er lügt.
„Du HAST Kinder!“
„Nein, was? Wieso? Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Warum darf ich nicht wissen, dass du Kinder hast? Was soll das?“
Ich lies mich nicht abwimmeln. Er sagte nichts. Seufzte. Das war deutlicher als jedes „Ja“.
„Wieviele?“ fragte ich bohrend.
Es dauerte einen Moment. Dann sagte er:
„Sieben.“
Sieben? Er hat SIEBEN Kinder? Was in aller Welt …
„Und das sagst du mir nicht???“
„Ich darf nicht über meinen Planeten reden!“
„Ja, aber … Gleich SIEBEN? Ist das normal bei Euch?“
„Ich hab positiv bewertete Gene.“
Das glaubte ich sofort. Es warf allerdings eine Menge weitere Fragen auf. Aber ich sah Malo an, dass er immer mehr dicht machte, wahrscheinlich schon bereute, dass er überhaupt etwas gesagt hatte. Trotzdem versuchte ich es:
„Danach wird bei euch entschieden, wer Kinder bekommt? Nach den Genen?“
Er sagte nichts.
„Sind die denn alle von EINER Frau?“
Er nickte. Ich weiß nicht, ob ich mir so etwas mittlerweile einbilde, aber ich meine, dass er auch bei dieser Antwort kurz gezögert hat.
„DEINER Frau?“
„Das funktioniert alles nicht so wie bei Euch!“
Ich hasse diesen Satz mittlerweile.
„Wie funktioniert es denn dann, verdammt nochmal!?“
Ich war jetzt wirklich aufgebracht. Fixierte ihn.
„Wieso ist das überhaupt so wichtig!?!”

Er fixierte mich ebenfalls. Zwischen uns Ben, der nun auf Malos Arm friedlich einschlief. Unabhängig davon wie sehr zwischen Malo und mir die Blitze hin und her schossen. Wir wussten beide ganz genau, warum die Frage nach seiner Frau so wichtig war. Aber es kam nicht zu einer Antwort. Dafür kam Konstantin zurück. Mit dem Zäpfchen. Er hatte sich WIRKLICH beeilt, war über zwei rote Ampeln gefahren, was ins Auge hätte gehen können. Da Ben nun schlief, wollte er das mit dem Zäpfchen erst einmal abwarten. Glück für Ben. Und für Malo, der die Gelegenheit nutzte und sich „unter diesen Umständen“ für den Abend verabschiedete. Konstantin war ihm dankbar. Malo ging. Ich blieb verwirrt zurück.
Jetzt ist es schon vier Tage später. Ben hatte keinen weiteren Anfälle, dafür aber eine ordentliche Erkältung – bis gestern war er deswegen auch nicht im Kindergarten. Heute konnte ich endlich wieder “arbeiten”. Malo hat jedoch jedes weitere Gespräch über seine Kinder und „seine Frau“ permanent abgeblockt. Stattdessen haben wir wieder Filme geguckt. Denn er will ja unsere Welt besser kennen lernen. Aber nichts über seine sagen. Eigentlich nicht fair. Oder?

Husten

Nun also endlich der Bericht vom „Abendessen“ am Sonntag. Ich kam nicht früher zum Schreiben, weil Ben nach wie vor krank ist. Und zwar so krank, dass er nicht in den Kindergarten darf, aber gleichzeitig so fit, dass er den ganzen Tag durch die Gegend rennen will. Meine Lieblingskombination.

Das Essen stand unter keinem guten Stern. Denn Konstantin hatte darauf bestanden, das „vegetarische“ Curry auf der Basis von Hühnerbrühe zu machen. Ich wusste nicht genau, ob auch Hühnerbrühe potential lebensgefährlich für Malo war – wie zum Beispiel Lasagne – also hatte ich es vorgezogen, Malo zu warnen. Zurecht wie er mir erklärte. Aber er beruhigte mich bei dem kurzen Telefonat (mal wieder flüsternd auf der Toilette): Er wollte sich etwas einfallen lassen.

Das ging dann so: Kaum war die etwas angespannte Begrüßung mit Konstantin vorbei, verkündete Malo, dass es ihm unendlich leid täte. Das Essen riecht zwar toll und so, aber er hat sich leider einen bösen Magen-Darm-Virus eingefangen. Deswegen für ihn nur Reis mit etwas Salz. Altes Rezept von dort, „wo er herkommt“. Konstantin war eh noch geladen durch den Streit mit mir. Und wenn er eins hasst, dann, dass er stundenlang in der Küche steht und hinterher jemand sein Essen nicht will. Er schaute mich also mit vorwurfsvollem Blick an und zischte:
„Du hast ihn gewarnt!?“
Das sagte er VOR Malo, also Stefan Müller, meinem vermeintlichen Chef. Selbst für Konstantin ist das unsensibel. Malo überraschte dies sichtbar, er reagierte vielleicht etwas ZU insistierend:
„Nein, Quatsch! Ich hab WIRKLICH Durchfall!“
„Ach ja? Und wieso fragst du dann nicht, WOVOR sie dich gewarnt haben soll?“
Darauf wusste Malo dann keine Antwort. Ich war immer noch perplex, weil Konstantin so aggressiv war. Offensichtlich rumorte etwas in ihm. Denn als nächstes kam:
„Was läuft denn hier eigentlich? Mit Euch Beiden? Mh? … Warum hat Vanessa so `ne panische Angst, dass du hier vorbeikommst?! Was soll das alles?“

Pause. Stille. Ich wusste, es ist an mir, etwas zu sagen. Ich wusste aber nicht was. Einmal mehr dankte ich dem Schöpfer für Ben, der einfach ein Gespür dafür hat, wenn seine Mutter in Bedrängnis ist. Ich dankte dem Schöpfer allerdings nur für zehn Sekunden, bis ich kapierte, dass der Hustanfall, der uns durch das Babyfon entgegenschepperte, kein normaler Hustanfall war. Ben bekam keine Luft!

Man kann Konstantin viel vorwerfen. Auch in Bezug auf seine mangelnde Zeit für Ben. Aber wenn der Kleine in Not ist, kämpft sein Vater wie ein Löwe. Und vor allem: Er ist tausend Mal ruhiger und effektiver als ich. Vielleicht ist es das pausenlose Training in der Gastronomie, wo Konstantin immer dann richtig gut ist, wenn um ihn das Chaos tobt. Auf jeden Fall sah ICH den Kleinen schon grausam ersticken, als ich ihn mit Panikgeweiteten Augen und blauen Lippen in seinem Bettchen stehen sah. Ich war starr vor Schreck. Konstantin behielt die Ruhe, hob den Kleinen hoch, redete beruhigend auf ihn ein und eilte mit ihm auf den Balkon. Ich dachte schon, er wollte mit dem Kind über die Brüstung springen und zum Krankenhaus rennen (das wäre ungefähr meine Reaktion gewesen). Aber es ging einfach nur um die kalte Nachtluft. Tatsächlich beruhigt sich Ben und er konnte auch bald wieder atmen.

Konstantin hatte kurz nach Bens Geburt einen Erste-Hilfe-Kurs für Kinder gemacht. Und sein Chefkoch Ingo hat einen wenig älteren Sohn, der dasselbe vor einer Weile ebenfalls durchgemacht hat: Pseudokrupp. Hört sich im wahrsten Sinne des Wortes weit schlimmer an, als es ist. Kühle Luft zur Abschwellung ist die Wunderwaffe. Auch wenn Ben bald wieder fit schien, war es Konstantin lieber, wenn wir dem Kleinen ein Kortison-Zäpfchen geben. Während ich den Kleinen in eine Decke hüllte (die mir Malo gebracht hatte), nahm Konstantin schon das Handy ans Ohr. In der Tat: Ingo hatte noch von den Zäpfchen. Und da Konstantin nach einer wirklich schlimmen Erfahrung mit der Kinderkrankenhaus-Notaufnahme an einem Sonntagabend (drei Stunden warten, ich war hinterher zwei Wochen krank) dort auf keinen Fall hinwollte, gab ich mich mit seinem Plan zufrieden. Ich war einfach nur saufroh, dass er einen kühlen Kopf behielt. Bevor er ging, sagte er noch zu Malo – so wie nur ein Mann den anderen fragen kann:
„Kannst Du bei ihnen bleiben?“
Malo nickt stumm. Konstantin vertraute ihm Frau und Kind an – in einer Notsituation. Es war definitiv so etwas wie eine Versöhnung. Das Thema von zwanzig Minuten zuvor war vergessen.

So, jetzt kommt eigentlich erst der interessante Teil – mein Gespräch mit Malo. Aber ich muss Euch noch einmal vertrösten. Ben schläft sehr unruhig. Ich leg mich auch schon mal hin und nehme ihn zu mir ins Bett. Was tut man nicht alles …

 

Hühnerbrühe

Ich weiß nicht, wie weit ich heute Abend noch komme. Ich muss immer wieder mal nach Ben schauen. Aber dass ich überhaupt jetzt schon über das heutige „Essen“ schreiben kann, deutet an: Es ist mal wieder anders gelaufen als geplant.

Auf vehemente Einladung von Konstantin, sollte ja heute mein Chef Stefan Müller – dem Lesern besser bekannt als Malo – zum Abendessen kommen. Konstantin wollte ihm danken für die diversen Male, die er sich von Ben hat ankotzen lassen. Vor allem aber wollte er sicherstellen, dass ich meinen Job nicht verliere bzw. einen neuen bekomme, sobald ich nach der Geburt wieder arbeiten kann.

Ich hatte das Treffen mit Malo ausführlich vorbereitet – schließlich hat er nicht wirklich Ahnung von der Deutschen Fernsehindustrie, in der er sich binnen Sekunden selbständig gemacht hatte. Und ich hatte auch Konstantin auf das Essen vorbereitet. Mit der simplen und einfachen Ansage, dass Malo Vegetarier ist. Konstantin fand das zwar schräg, aber „die Leute vom Film“ erlebt er immer als schräg, also was soll’s. Macht er halt sein berühmtes indisches Curry, vom dem es auch eine vegetarische Variante gibt. Ich war einverstanden und natürlich happy, dass er das Kochen übernahm. Insbesondere weil Ben die Nacht über sehr schlecht geschlafen hatte und sich nun mit erhöhter Temperatur und einem fiesen Husten rumplagte. Offensichtlich ein weiteres Mitbringsel aus dem Kindergarten. Laut Kinderarzt nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Ben und den Viren dieser Welt.

Auf jeden Fall komme ich irgendwann am Nachmittag in die Küche und denke, ich spinne. Konstantin hat ein komplettes Huhn im Topf.
„Sag mir bitte, das ist nicht für heute Abend!?“
„Ne, Quatsch, ich brauch nur ein bisschen Brühe.“
„Ein bisschen Brühe?“ frage ich und gucke auf den 10-Liter-Topf.
„Den Rest frier ich ein. Brauch ich immer mal. Und Ben bekommt sie zum Essen, wird ihm gut tun.“
„Aber ein Teil der HÜHNERbrühe landet im Curry?“
„Nur Brühe! Das Huhn wird nicht gegessen!“
„NUR Brühe!? Stefan ist Vegetarier!“
„Ja, deswegen mache ich ja ein vegetarisches Curry!“
Er zeigte leicht gereizt auf den Berg von Gemüse, den er gerade vorbereitete. Ich versuchte ruhig zu bleiben.
„Aber wenn in der Brühe Huhn ist, dann ist das Essen nicht vegetarisch.“
„Es IST kein Huhn in der Brühe!“
„ES IST HÜHNERBRÜHE!!!!“

Das hab ich offensichtlich fast geschrien. Zumindest hat Konstantin mich ziemlich irritiert angeschaut. Okay, er kann nicht wissen, dass Malo das letzte Mal, als er aus Versehen zwei Bissen Fleisch gegessen hat, beinahe explodiert wäre. Nun bekam
Konstantin diesen gar nicht freundlichen, erklärenden Tonfall, den ich so hasse:
„Ich mach mein Curry IMMER so. Hat sich noch keiner Vegetarier beschwert.“
„Weil sie es nicht wussten.“
„Natürlich! Man schmeckt es, Vanessa! Aber Vegetarier sehen Hühnerbrühe nicht als Fleisch!“
Was zwar ein weit verbreiteter Irrtum ist, der deswegen aber nicht richtiger wird. Ich ging nicht weiter auf die philosophische Diskussion ein, sondern kürzte ab:
„Stefan schon!“
„Woher willst du das wissen?! Tauscht ihr bei der Arbeit Rezepte aus, oder was?“
Ich merkte: Ich begebe mich auf dünnes Eis. Denn über das, was wir wirklich bei der Arbeit machten, wollte ich auf keinen Fall reden. Ich regelte mich ein wenig runter und sagte:
„Würdest du bitte ausnahmsweise auf die Hühnerbrühe verzichten!?“
„Nein! Du übertreibst wieder maßlos, Vanessa!“
„Konstantin!“
„Nein, er wird’s schon überleben!“
Da war ich mir nun leider nicht so sicher.
„Und jetzt lass mich in Ruhe kochen!

Ende der Diskussion. … Und Schluss für heute. Morgen mehr!

Theater

Gestern gab es in Bens Kindergarten ein Puppentheater. Die großen Kinder hatten über Wochen ein kleines Stück einstudiert, Puppen und Kulissen gebastelt und nun war der große Tag gekommen, an dem ein Raum voller Kinder und Eltern das Stück vorgeführt bekommen sollte. Konstantin hatte sich extra den Nachmittag frei genommen, um bei dieser Gelegenheit endlich auch einmal Bens Kita sehen zu können. Mir brummte der Schädel, denn ich hatte gleich einen ganzen Sack voller Probleme:

1. Ben war ja eigentlich krank. Aber da er wieder fit wirkte und laut Arzt nicht mehr ansteckend war, durfte er zumindest am Nachmittag zu der Theatervorstellung mit in den Kindergarten. Was ihn verwirrte und besonders anhänglich machte. Zudem war es ja sein erstes Theaterstück.

2. Im Kindergarten hielt man Malo für Bens Vater, weil er sich in der Vorwoche so heroisch hatte vollkotzen lassen. Und ich es angesichts der Aufregung um das kranke Kind versäumt hatte, dies zu korrigieren. Entsprechend skeptisch wurde Konstantin von den Kindergärtnerinnen beäugt, als er „behauptete“ er sei Bens Vater. Malo war ihnen offensichtlich lieber.

3. Seit ihrer Unterhaltung mit Malo auf dem Kindergeburtstag hatte ich vier SMS und drei Mailbox-Nachrichten von Anja bekommen. Sie wollte „endlich mal wieder“ einen Kaffee mit mir trinken gehen. Natürlich wollte sie in Wahrheit alles über Malo alias Stefan Müller wissen. Bisher konnte ich sie noch abwimmeln.

4. Malos Satz „Ich hab selbst Kinder“ ließ mir keine Ruhe. Auch wenn er bei meiner Nachfrage am Tag danach erklärt hatte, dass dies natürlich eine Lüge war – um Konstantin zu beruhigen. Aber er stockte bei der Antwort so komisch und wollte dann auch nicht darüber reden, wie das denn so ist mit den Kindern auf seinem Planeten. Ich bin mir sicher: Das Thema ist irgendwie belastet!

5. Konstantin war nach wie vor zerknirscht, dass mein „Chef“ so viel abbekommen hatte durch Ben. Er redete ständig davon, wie doof es wäre, wenn „uns“ deswegen die Möglichkeit genommen würde, dass ich nächstes Jahr einen Job bekommen könnte.

So, das waren die Probleme. In dem Puppentheaterstück ging es um einen Bär, der sich mit einer Fledermaus in deren Höhle anfreundete und dabei allerlei Quatsch erlebte.

Als der Bär die Fledermaus zum Honig essen einlud, drehte sich Konstantin plötzlich zu mir und flüsterte mir im Dunkeln zu:
„Wir können deinen Chef doch zum Essen einladen. Am Sonntag. Ja! Lass uns das machen!“
Ich war nicht nur überrumpelt. Sondern mit einem sich vor der Fledermaus fürchtenden Ben auf dem Schoß auch mal wieder etwas überfordert. Wir zischten uns flüsternd an:
„Das ist doch übertrieben, Konstantin!“
„Nein, überhaupt nicht! Das schulden wir ihm!“
„Quatsch. Der nimmt uns das nicht übel. Er hat doch selbst Kinder!“
„Das denn?“ (Bens allgegenwärtige Frage – kurz für: „Was ist das denn?“)
„Das ist eine Fledermaus. Sowas wie eine fliegende Maus! Die ist gaaaanz lieb!
„Vanessa, was ist denn dein Problem? WILLST du nicht arbeiten?
Ich sagte nichts. Der Bär und die Fledermaus hatten mittlerweile eine problematische Begegnung mit einem Maulwurf.
„Lass uns das machen, Vanessa! Das wird bestimmt nett.“
Das wird der Horror! Da war ich mir sicher. Aber ich erkannte an Konstantins Tonfall, dass es für ihn schon beschlossene Sache war. Also versuchte ich, den Abend wenigstens in geordnete Bahnen zu leiten:
„Dann lass uns das bei dir im Restaurant machen!“
Denn dort ist Konstantin die ganze Zeit abgelenkt und die Beiden werden nicht viel reden können.
„Ne, da bin ich die ganze Zeit abgelenkt. Ich will doch auch mal mit ihm reden.“
Grmpf.
„Lädst du ihn ein? Oder soll ICH ihn anrufen?“
Er klang schon etwas aggressiv – die unruhigen und nörgelnden Kinder um uns herum trugen sicher auch zu seinem Stresslevel bei. Das Handy in meiner Hosentasche vibrierte. Eine SMS. Die eigentlich wieder nur von Anja stammen konnte. Ben klammerte sich an mir fest, weil es nun zu einer handfesten Prügelei zwischen der Fledermaus und dem Maulwurf kam. Sie war doch nicht so lieb, wie ich behauptet hatte. Ben weinte. Ich sagte zähneknirschend zu Konstantin:
„ICH lade ihn ein!“

Das habe ich heute Morgen dann auch gemacht. Malo kommt Sonntagabend zu uns. Morgen werden Malo und ich dieses Abendessen auf einer Teamsitzung ausführlich vorbereiten. In der Hoffnung, dass Konstantin danach für alle Zeiten Ruhe gibt …

 

P.S.: Da ich gemerkt habe, dass ein paar Leuten das Prinzip “Feed” nicht so vertraut ist (wie es auch mir nicht vertraut war vor diesem Blog), gibt es jetzt einen Old-School-Newsletter, den man bestellen kann. Darin informiere ich Euch nicht nur über neue Beiträge, sondern auch andere Neuigkeiten!

Bens Geburtstag Teil II

Previously on Bens Geburtstag: Mein Mann Konstantin hatte meinen Lieblingsaußerirdischen Malo zufällig auf der Straße getroffen und zu Bens Geburtstag eingeladen. Das erfuhr ich eine Stunde vor der Party. Ich war eh schon spät dran mit dem Marmorkuchen, war noch nicht geschminkt, die Luftballons waren noch nicht aufgepustet und Ben hatte sich in den Kopf gesetzt, alles ihm mögliche zu unternehmen (= schreien!), um mehr von dem leckeren Teig essen zu können.

Ich hatte Panik! Es galt auf jeden Fall zu verhindern, dass Malo mit seinem absoluten Unwissen über das Film- und Fernsehgeschäft als vermeintlicher Produzent Stefan Müller meine Freunde aus dem Film- und Fernsehgeschäft treffen würde. Einzige Möglichkeit: Malo anrufen und ihn dazu bringen, wieder abzusagen. Mehr oder weniger unauffällig schaffte ich es mit dem Handy auf die Toilette – Bens fortdauerndes „Tei haben!!!!“ ignorierend. Was mir aber auch nichts nützte, denn als ich Malo schließlich erreichte, war er bereits vor unserer Wohnung. Wie nur echte Männer das können, hatten die beiden sich bei ihrem Treffen auf der Straße nicht über eine Uhrzeit verständigt und Malo hat „gleich“ wörtlich genommen. Immerhin kapierte Konstantin beim Öffnen der Tür nicht, dass Malo gerade mit mir telefonierte …

Ich resignierte. Alles andere wäre zu auffällig gewesen. Ich begrüßte „Stefan Müller“ also freundlich. Small-Talk. Bis ich merkte, dass es so still war. Erstaunlich still, dafür dass Ben keinen Teig bekomme hatte. Als wir zusammen in die Küche kamen, blieb mir kurz das Herz stehen: Ben hatte es tatsächlich geschafft, einen Stuhl an die Ablage zu schieben, um endlich an seinen geliebten Teig zu gelangen. Er balancierte dort am Rande des Abgrunds, hatte beide Hände voll mit dem Zeug und strahlte über das ganze verschmierte Gesicht: „Mh. Lecker!“

Der Marmorkuchen wurde dann nur halb so groß wie geplant. Während ich Ben reinigte, ließ ich Malo sämtliche Luftballons aufpusten, so dass er wenigstens nicht mit Konstantin reden konnte. Als dann schließlich die ersten Gäste kamen, war ich immer noch ungeschminkt. Aber das war mein geringstes Problem. Die Mamis machten große Augen angesichts meines attraktiven Chefs. Natürlich wollten meine ehemaligen Kolleginnen (die heute größtenteils Mütter und ohne Arbeit waren) alles über die „Müller Film- und Fernsehproduktion“ wissen. Malo war Gott sei Dank klug genug, sich aufopfernd um die Kinder zu kümmern, wodurch er um die meisten Unterhaltungen herum kam. Aber meine beste Freundin Anja, die als Einzige keine Mutter ist und der es dementsprechend am Arsch vorbeiging, wie rührend er sich um die Kleinen kümmerte, hakte immer weiter nach. Ihr ging es allerdings weniger um die Firma als darum, Malos Beziehungsstatus herauszufinden.  Das ging dann so:
„Hatten Sie denn vorher schon eine Produktionsfirma in Berlin?“
„Nein, ich bin erst seit ein paar Monaten in der Stadt! … Guck mal, die Eisenbahn!“
„Ei-sen-baaaaaahn!“
„Ah. Wo waren Sie denn vorher?“
„Weit weg. Kennen Sie nicht. … Soll der Polizist mit der Eisenbahn fahren?“
„Dann sind Sie also mit ihrer Familie gerade erst hergezogen?“
„Ich bin alleinstehend.“
„Poli-ei Ei-sen-baaahn fahren!“
„Oh. Ach so. …“
Ab da bekam Anja dieses warme Timbre in ihrer Stimme, das ich nur zu gut kenne. Es machte mir Sorgen. Anja kann SEHR hartnäckig sein!
„Haben Sie denn jemanden, der Ihnen die Stadt zeigt?“
„Vanessa erklärt mir alles, was ich wissen muss.“
„Arm nehmen!“ (Das war Ben, obwohl ich dieses Bedürfnis echt teilte.)
„Vanessa … Ach so.“
Anja schaute zu mir. In ihrem Gesicht ratterte es. Derweil nahm Malo Ben auf den Arm. Ich konnte förmlich zusehen, wie Anja die Bausteine zusammensetzte: Sie hatte mir vor ein paar Wochen für DEN Abend ein Alibi gegeben. Ohne je zu fragen, worum es dabei ging. Nun war da dieser Mann, den ich (aus Panik!) nicht aus den Augen ließ. Der aus dem Nichts kommend mein Chef war und sich merkwürdig verschlossen gab. Bevor es bei Anja „Klick“ machte, erlöste mich Ben.

Nein, es war nicht der Teig schuld. Zumindest nicht allein. Wir waren gestern Nachmittag beim Kinderarzt, der Streptokokken diagnostizierte, weswegen Ben heute auch nicht im Kindergarten ist und ich nicht bei der Arbeit. Auf jeden Fall übergab sich Ben zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Tagen auf Malos Hemd und Jackett. Man konnte den Kuchenteig noch ganz gut erkennen. Die Party war natürlich gelaufen. Was zwar schade für Ben war, aber ich war erleichtert. Denn Malo lehnte die (gerade erst gereinigten) Sachen von Konstantin ab und wollte relativ bald gehen. Konstantin war wirklich zerknirscht und hatte Angst um meinen Job. Beim Rausgehen beruhigte ihn Malo:
„Kein Problem. Ich hab selbst Kinder! Ich kenne das!“

Damit war er weg. Und ich neben aller Erleichterung und Sorge um Ben etwas irritiert. Natürlich konnte das auch nur so ein Spruch sein mit den Kindern. Im Rahmen seiner Legende. Aber Anja hat er im Rahmen derselben Legende gerade noch erzählt, er sei alleinstehend. Vor allem: Es klang sehr aufrichtig. Hat er wirklich Kinder? Ich stelle mal wieder fest: Ich weiß nichts über diese Mann vom anderen Stern!

Bens Geburtstag Teil I

Gleich ist Teamsitzung. Okay, das Team hier im „Büro“ besteht nur aus Malo und mir, aber dennoch habe ich nun beschlossen, dass wir mindestens einmal die Woche nicht nur Filme gucken, sondern auch ernsthaft etwas Wichtiges besprechen. Nämlich meine Lügen. Die MÜSSEN einfach besser abgesprochen werden. Dann lassen sich solche Beinahe-Herzinfarkte wie gestern vielleicht vermeiden.  (Danach gucken wir dann “Forrest Gump” – wie von Euch gewünscht!)

Was ist gestern passiert? Nach Malos freundlicher Hilfe bei Bens Erbrechen im Kindergarten wollte Konstantin ihn ja zur gestrigen Geburtstagfeier von Ben einladen. Ich hab das abgewehrt mit der Behauptung, Malo sei am Wochenende auf einem Filmfestival in Biberach. War er aber nicht. Und genau das hat Konstantin rausgefunden auf dem Weg zum Kuchen kaufen beim einzigen vernünftigen Bäcker, der hier in der Gegend Sonntags geöffnet hat. Er ist Malo einfach auf der Straße begegnet. Wie wahrscheinlich ist das denn? Na ja, auf jeden Fall war Konstantin überrascht, Malo zu sehen, der dummerweise nicht wusste, dass er eigentlich in Biberach sein sollte. Der noch nicht einmal weiß, was Biberach ist. (Deswegen: Ab sofort Teamsitzungen!)

Derweil war ich zu Hause damit beschäftigt, einen „Mama-Kuchen“ zu backen, wie Ben es nennt. Ich war ungefähr SO weit …

… als Konstantin nach Hause kam. Ben zog die ganze Zeit an meinem schicken neuen Kleid von Sexymama, die gerade auch in Kreuzberg einen Laden eröffnet haben. (Juhu!) Der Kleine wollte unbedingt Teig essen – ich hatte ihn zum ersten Mal in seinem Leben etwas von dieser Köstlichkeit von einem Löffel ablecken lassen. Fehler! Daraufhin entspann sich folgender Dialog:
„Dein Chef ist ja gar nicht auf diesem Filmfestival!?!?
„Was?“
„Tei haben!!“
„Ich hab ihn gerade auf der Bergmannstraße getroffen. Der wusste überhaupt nix von einem Festival! Was soll das, Vanessa?“
„Äh!“
„Tei haben!!!“
Ben zerrte mittlerweile sehr vehement an meinem schönen Kleid, das Gott sei Dank dehnbar ist (=Umstandsmode). Trotzdem lenkte es ab.  Dabei brauchte ich schnell eine geniale Erklärung. Fand aber kein. Bis Konstantin sagte:
„Du magst den nicht sonderlich, mh?“
„Was?“
„Tei haaaaaben!!!!!!“
„Wieso erfindest du sonst so ein beknacktes Festival? Du wolltest ihn nicht hier haben.“
„Mh, ja, also … ph … ich kenn den ja kaum. Das …“
„Mensch, Vanessa, das ist DEINE Chance! Der steht doch total auf dich!“
Oops. Ist das so offensichtlich?
„Der wird dir `nen Job anbieten, wenn du nach Lucys Geburt wieder arbeiten kannst. Sagst doch selbst immer, wie schwer es in deiner Branche geworden ist!“
„Buhuuuuu! Tei haben! “
Das Weinen von Ben war wirklich extrem laut! Also sagte ich zu Konstantin:
„Du hast Recht. Ich muss netter zu meinem Chef sein!“
Konstantin nickte zufrieden.
„Gut. Kannst heute damit anfangen. Hab ihn überredet, doch noch mit uns zu feiern. Er kommt gleich. “

So, jetzt kommt Malo gerade auch ins Büro. Teamsitzung! Ich muss morgen weiterschreiben!