Ja, Stefan Müller ist unser Gast. Erwartet er Sie?“ fragt die Frau an der Rezeption.
„Ähm, ne …“
„Ich rufe ihn an. Ihr Name?“
Das ging mir eigentlich zu schnell, aber ich bin ja in das Hotel gegangen, um ihn zu finden. Dass es SO einfach ist, hätte ich nicht gedacht. Ich sag ihr meinen Namen. Sie telefoniert kurz und sagt dann:
„Sie können hochgehen. Zimmer 212.“
Hochgehen? Will er nicht lieber runterkommen? Oder … Ich werde nervös. Sehr nervös. Und zwar nicht, weil mich gleich der attraktivste Mann, den ich kenne, auf seinem Hotelzimmer empfangen wird, sondern weil ich vielleicht etwas darüber erfahren werde, wie es meinem Kind geht. WENN ich ihm die ganze Nummer abnehme!
Als er die Tür öffnet, fällt mir als erstes auf: Artischocken! Unmengen von Artischocken liegen auf dem Tisch in dem geräumigen Zimmer (muss eher eine Suite sein). Ein ganzer Berg. Vierzig, fünfzig. Ich bin schlecht im Schätzen. Malo steht vor mir und lächelt mich an. Unwiderstehlich wie immer. Ja. Aber auch etwas unsicher.
„Hallo Vanessa!“
Er sieht meinen irritierten Blick auf die Artischocken und sagt:
„Artischocken. Sehr gesund!“
Dabei lächelt er, als ob es völlig normal wäre, dass man gleich 50 davon in seinem (schicken und super ordentlichen!) Hotelzimmer stapelt. Aber wisst Ihr was: Es gab mir das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg war. Denn alles, was schräg an Malo ist, bestärkt mich darin, dass er WIRKLICH ein Alien ist.
Als nächstes bestärkte mich das mit der Ironie. Er versteht sie nicht. Offensichtlich. Gut, es gibt auch auf der Erde eine Menge Menschen, die Ironie nicht verstehen. Aber dass er die ganze Zeit gedacht hat, dass ich ihm die Außerirdischen-Nummer glaube – trotz all meiner doofen Sprüche über Marsmenschen und „nach Hause telefoniere“ – ist schon schräg. Entsprechend verstört hatte ihn, dass ich ihn am Montag zum Teufel gejagt habe. Seine Unsicherheit ist echt. Das spüre. Es macht mich immer sicherer. Er versteht wirklich nicht, warum ich sauer auf ihn bin/war. Schließlich sage ich:
„Okay, ich will das machen. Das mit dem … Gerät … mit dem man sehen kann, ob mein Baby gesund ist!“
Malo ist nur eine Mini-Sekunde überrascht, nickt dann. Und sagt:
„Zieh dich aus!“
Sagt es und geht davon ins andere Zimmer, während ich immer noch im Eingangsbereich der Suite stehe. Ich denke, (ich hoffe?) er meint, dass ich den Bauch frei machen muss. Oder will er das … vaginal … ? Ich werde wieder unsicher: Doch nur eine große Verarsche, um irgendwelche perversen Sexspielchen zu machen? Aber er hat doch gesagt …?
„Ich muss das auf deinen Bauch legen“, sagt er, als er mit einem kleinen schwarzen Kästchen zurückkommt. Puh.
Wenn man regelmäßig zum Frauenarzt geht, ist man ja einiges gewohnt. Ich will da jetzt nicht ins Detail gehen, aber auch die unangenehmste Untersuchung ist allenfalls … unangenehm, selbst als ich früher noch bei einem Frauenarzt und keiner Frauenärztin war, hatte das ganz sicher nie etwas erotisches. Anders sieht es aus, wenn du mit frei gelegtem Bauch in einer Hotelsuite auf dem Sofa liegst, dieser Mann vor dir kniet und deinen Bauch mit seinen wunderschönen, warmen Händen … wie soll ich sagen … zärtlich streichelt. (Ich glaube, er wollte ein paar Flusen wegwischen.) Gott sei Dank liegt in meinem Sichtfeld ein riesiger Berg Artischocken, so dass ich schnell auf das zurückkomme, worum es geht: Mein Baby! Malo setzt die kleine schwarze Kiste auf meinen Bauch. Schaut auf ein Display, das für mich komplett schwarz aussieht. Schiebt die Kiste sanft zur einen Seite, dann sanft zur anderen Seite. Hat dabei die ganze Zeit die andere Hand auf dem Bauch. Und ist hoch konzentriert. Plötzlich sagt er:
„Du bist seit 75 Tagen schwanger!“
Das irritierte mich erst. Weil ich nur in Wochen rechne und man ja noch die ersten zwei Wochen mitzählt. Aber wenn man es umrechnet, kommt man in Schwangerensprache auf 12+5. Was gestern – als ich bei Malo war – exakt stimmte. Genauso wie es zum tatsächlichen Tag der Zeugung passt: Das letzte Mai-Wochenende waren Konstantin und ich an der Ostsee. Alleine. In der Nacht vom 28. Auf den 29. Mai hatten wir nach einem sehr schönen Tag und wundervollem Abendessen (mit Champagner!) Sex. Der einzige Sex weit und breit. Vom 29. Mai bis gestern: 75 Tage!
Okay, spätestens jetzt glaube ich Malo wirklich! Ich schaue ihn an: Ein Außerirdischer! Ein Mann von einem anderen Planet. Wow. Er schiebt die Kiste vorsichtig weiter. Dann noch ein Stück. Schließlich schaut er mich an und lächelt.
„Dein Kind ist gesund!“
Ich hab’s im ersten Moment gar nicht kapiert. Ich war noch bei: „Ein Außerirdischer! Wow!“. Aber schließlich kommt es bei mir an. Tränen schießen mir in die Augen. 1:26 pah! Mein Kind ist gesund! Keine Fruchtwasseruntersuchung. Keine Risiken mehr. Der Spuk ist vorbei. Plötzlich fragt Malo:
„Weißt du schon, was es ist?“
Ich schau ihn verdutzt an. Ernsthaft? Und höre mich stammeln:
„Äh, nein, das … das kann man bei uns … erst … in ein paar Wochen sehen.“
Ich hab wirklich „bei uns“ gesagt. Und es zum ersten Mal auch gemeint. Malo lächelt.
„WILLST du es wissen?“
Ich nicke. Sprachlos.
„Was wünschst du dir denn?“
„Ein Mädchen.“
Er lächelt breit. Diesmal nur unwiderstehlich. Und überhaupt nicht unsicher. Dann nickt er.
„Es ist ein Mädchen!“
Ich bin dann wenig später irgendwie in Trance aus dem Zimmer raus. Musste das alles erst einmal verarbeiten. So viel verarbeiten. Kann so gerade noch auf dem Weg nach draußen zu ihm sagen:
„Komm mich doch morgen Abend besuchen.“
Jetzt sitze ich hier. Konstantin ist schon bei der Arbeit und wird heute – wie jeden Samstag – ganz sicher nicht vor Mitternacht zu Hause sein. Ben spielt in der Küche mit den Artischocken, die ich gekauft habe. Denn ich werde für Malo kochen. Das hat er sich verdient!