Artischocken

Ja, Stefan Müller ist unser Gast. Erwartet er Sie?“ fragt die Frau an der Rezeption.
„Ähm, ne …“
„Ich rufe ihn an. Ihr Name?“
Das ging mir eigentlich zu schnell, aber ich bin ja in das Hotel gegangen, um ihn zu finden. Dass es SO einfach ist, hätte ich nicht gedacht. Ich sag ihr meinen Namen. Sie telefoniert kurz und sagt dann:
„Sie können hochgehen. Zimmer 212.“
Hochgehen? Will er nicht lieber runterkommen? Oder … Ich werde nervös. Sehr nervös. Und zwar nicht, weil mich gleich der attraktivste Mann, den ich kenne, auf seinem Hotelzimmer empfangen wird, sondern weil ich vielleicht etwas darüber erfahren werde, wie es meinem Kind geht. WENN ich ihm die ganze Nummer abnehme!

Als er die Tür öffnet, fällt mir als erstes auf: Artischocken! Unmengen von Artischocken liegen auf dem Tisch in dem geräumigen Zimmer (muss eher eine Suite sein).  Ein ganzer Berg. Vierzig, fünfzig. Ich bin schlecht im Schätzen. Malo steht vor mir und lächelt mich an. Unwiderstehlich wie immer. Ja. Aber auch etwas unsicher.
„Hallo Vanessa!“
Er sieht meinen irritierten Blick auf die Artischocken und sagt:
„Artischocken. Sehr gesund!“
Dabei lächelt er, als ob es völlig normal wäre, dass man gleich 50 davon in seinem (schicken und super ordentlichen!) Hotelzimmer stapelt. Aber wisst Ihr was: Es gab mir das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg war. Denn alles, was schräg an Malo ist, bestärkt mich darin, dass er WIRKLICH ein Alien ist.

Als nächstes bestärkte mich das mit der Ironie. Er versteht sie nicht. Offensichtlich. Gut, es gibt auch auf der Erde eine Menge Menschen, die Ironie nicht verstehen. Aber dass er die ganze Zeit gedacht hat, dass ich ihm die Außerirdischen-Nummer glaube – trotz all meiner doofen Sprüche über Marsmenschen und „nach Hause telefoniere“ – ist schon schräg. Entsprechend verstört hatte ihn, dass ich ihn am Montag zum Teufel gejagt habe. Seine Unsicherheit ist echt. Das spüre. Es macht mich immer sicherer. Er versteht wirklich nicht, warum ich sauer auf ihn bin/war. Schließlich sage ich:
„Okay, ich will das machen. Das mit dem … Gerät … mit dem man sehen kann, ob mein Baby gesund ist!“
Malo ist nur eine Mini-Sekunde überrascht, nickt dann. Und sagt:
„Zieh dich aus!“
Sagt es und geht davon ins andere Zimmer, während ich immer noch im Eingangsbereich der Suite stehe. Ich denke, (ich hoffe?) er meint, dass ich den Bauch frei machen muss. Oder will er das … vaginal … ? Ich werde wieder unsicher: Doch nur eine große Verarsche, um irgendwelche perversen Sexspielchen zu machen? Aber er hat doch gesagt …?
„Ich muss das auf deinen Bauch legen“, sagt er, als er mit einem kleinen schwarzen Kästchen zurückkommt. Puh.

Wenn man regelmäßig zum Frauenarzt geht, ist man ja einiges gewohnt. Ich will da jetzt nicht ins Detail gehen, aber auch die unangenehmste Untersuchung ist allenfalls … unangenehm, selbst als ich früher noch bei einem Frauenarzt und keiner Frauenärztin war, hatte das ganz sicher nie etwas erotisches. Anders sieht es aus, wenn du mit frei gelegtem Bauch in einer Hotelsuite auf dem Sofa liegst, dieser Mann vor dir kniet und deinen Bauch mit seinen wunderschönen, warmen Händen … wie soll ich sagen … zärtlich streichelt. (Ich glaube, er wollte ein paar Flusen wegwischen.) Gott sei Dank liegt in meinem Sichtfeld ein riesiger Berg Artischocken, so dass ich schnell auf  das zurückkomme, worum es geht: Mein Baby! Malo setzt die kleine schwarze Kiste auf meinen Bauch. Schaut auf ein Display, das für mich komplett schwarz aussieht. Schiebt die Kiste sanft zur einen Seite, dann sanft zur anderen Seite. Hat dabei die ganze Zeit die andere Hand auf dem Bauch. Und ist hoch konzentriert. Plötzlich sagt er:
„Du bist seit 75 Tagen schwanger!“
Das irritierte mich erst. Weil ich nur in Wochen rechne und man ja noch die ersten zwei Wochen mitzählt. Aber wenn man es umrechnet, kommt man in Schwangerensprache auf 12+5. Was gestern – als ich bei Malo war – exakt stimmte. Genauso wie es zum tatsächlichen Tag der Zeugung passt: Das letzte Mai-Wochenende waren Konstantin und ich an der Ostsee. Alleine. In der Nacht vom 28. Auf den 29. Mai hatten wir nach einem sehr schönen Tag und wundervollem Abendessen (mit Champagner!) Sex. Der einzige Sex weit und breit.  Vom 29. Mai bis gestern: 75 Tage!

Okay, spätestens jetzt glaube ich Malo wirklich! Ich schaue ihn an: Ein Außerirdischer! Ein Mann von einem anderen Planet. Wow. Er schiebt die Kiste vorsichtig weiter. Dann noch ein Stück. Schließlich schaut er mich an und lächelt.
„Dein Kind ist gesund!“
Ich hab’s im ersten Moment gar nicht kapiert. Ich war noch bei: „Ein Außerirdischer! Wow!“. Aber schließlich kommt es bei mir an. Tränen schießen mir in die Augen. 1:26 pah! Mein Kind ist gesund! Keine Fruchtwasseruntersuchung. Keine Risiken mehr. Der Spuk ist vorbei. Plötzlich fragt Malo:
„Weißt du schon, was es ist?“
Ich schau ihn verdutzt an. Ernsthaft? Und höre mich stammeln:
„Äh, nein, das … das kann man bei uns … erst … in ein paar Wochen sehen.“
Ich hab wirklich „bei uns“ gesagt. Und es zum ersten Mal auch gemeint. Malo lächelt.
„WILLST du es wissen?“
Ich nicke. Sprachlos.
„Was wünschst du dir denn?“
„Ein Mädchen.“
Er lächelt breit. Diesmal nur unwiderstehlich. Und überhaupt nicht unsicher. Dann nickt er.
„Es ist ein Mädchen!“

Ich bin dann wenig später irgendwie in Trance aus dem Zimmer raus. Musste das alles erst einmal verarbeiten. So viel verarbeiten. Kann so gerade noch auf dem Weg nach draußen zu ihm sagen:
„Komm mich doch morgen Abend besuchen.“

Jetzt sitze ich hier. Konstantin ist schon bei der Arbeit und wird heute – wie jeden Samstag – ganz sicher nicht vor Mitternacht zu Hause sein. Ben spielt in der Küche mit den Artischocken, die ich gekauft habe. Denn ich werde für Malo kochen. Das hat er sich verdient!

Risiken

Die letzten Tage waren die Hölle. Ich konnte einfach nicht schreiben. Alles unklar, alles verstörend. Aber eben habe ich eine Entscheidung getroffen.

Ich hab mich jetzt hoch und runter mit den Themen Vorsorge, Nackenfaltenmessung, Fruchtwasseruntersuchung usw. beschäftigt, viel zu viel verstörende Forenbeiträge gelesen und bin zu einem Schluss gekommen: Das ist alles ein großer Blödsinn! Ich muss zugeben, ich hab meiner Frauenärztin blind vertraut als sie (auch schon damals bei Ben) meinte: „Machen Sie mal die Nackenfaltenmessung – zur Sicherheit!“ Sicherheit? Sicherheit ist im Ernstfall ja wohl das letzte ist, was man da bekommt. Diese ganzen Risikowerte basieren NUR auf Statistiken! Kein Mensch hat auch nur einen blassen Schimmer, WARUM Kinder mit einer dicken Nackenfalte öfter eine Behinderung haben als die ohne dicken Nackenfalte. Es geht nur darum, dass schon „ganz oft“ solche Kinder hinterher behindert waren.

So, und auf DER Grundlage schicken sie einen dann zur Fruchtwasseruntersuchung. Wenn man sich DAMIT beschäftigt, kommt man zum nächsten Risiko: Es gibt bei Fruchtwasseruntersuchungen nämlich ein Risiko zwischen 0,5 – 2,5% (je nachdem, wo man nachliest), dass man hinterher eine Fehlgeburt hat! (Es gibt sogar eine Studie, die zeigt, dass es bei Assistenzärzten ein mehr als doppelt so hohes Risiko wie bei Fachärzten gibt, dass man das Kind wegen der Untersuchung verliert. Hammer! Okay, ich schweife ab.) Aber erklär mir doch mal einer folgendes: Frauenärzte schicken einen ab einem Down-Syndrom-Risiko von 1:300 zu einer Untersuchung, bei der es ein Risiko von mindestens 1:200 gibt, das man DURCH die Untersuchung das Kind verliert. Finde nur ich das komisch?

Trotzdem macht mich mein Risiko natürlich verrückt. 1:26. Und wer bisher gar keine Hilfe war, ist der Vater des Kindes. Überhaupt war Konstantin in den letzten Tagen noch abwesender als sonst. Physisch, aber auch was seine Aufmerksamkeit angeht, wenn er denn mal da ist. Heute Nachmittag sagt er plötzlich: „Kommt doch heute Abend mit ins Restaurant.“

Das hat er lange nicht mehr gemacht. Weil es ihm zu stressig ist, wenn ich mit Ben da bin. Konstantin muss den Laden schmeißen und Ben stellt alles auf den Kopf. Natürlich kümmern sich die Jungs in der Küche rührend um den Kleinen, aber das Restaurant ist eher so ein cooler Szene-Schuppen und ein Kleinkind passt abends nicht. Auf jeden Fall durften wir heute mit. Und es war echt schön. Ingo – Konstantins Chefkoch – hat super leckere, frische Ravioli für Ben gekocht. Der Kleine hat das Zeug geliebt! Wir haben in der Küche gegessen und Ben war der König. Irgendwann in `ner eigentlich nicht existierenden ruhigen Minute nimmt Ingo mich zur Seite und sagt:
„Auch wenn’s vielleicht anders rüber kommt: Konstantin geht’s echt nicht gut!“
Ich war baff zu erfahren, dass Ingo nicht nur von der Schwangerschaft wusste (als Erster!), sondern auch von dem Risiko. Dass Konstantin das alles fertig machte, war echt neu für mich. Warum kann er nicht mit mir darüber reden? Ich hätte das gebraucht!
„Weil er dich nicht belasten will!“ erklärte mir Ingo. „Und er weil er noch zig andere Sorgen hat.“
Auch das war mir neu. Aber na klar, ich hätte drauf kommen können: Seine kleine Schwester studiert in London, wohnt irgendwo in Hackney und was ihn natürlich am Wochenende auch nervös gemacht hat, war diese ganze Hysterie um die Börsen. Der große Crash 2009 hat uns schließlich tief in die Schulden getrieben, weil durch die Wirtschaftskrise sein Restaurant nicht mehr lief und wir mit viel zu hohen Zinsen die Wohnung gekauft hatten. Gerade läuft’s wieder einigermaßen, aber wenn die Wirtschaft jetzt wieder abschmiert…

Ich weiß nicht, ob Konstantin Ingo gebeten hatte, mit mir zu reden. Oder ob die Einladung ein hilfloser Versuch war, Anteilnahme zu zeigen. So oder so: Er ist nicht ganz so ein Idiot, wie ich in den letzten Tagen dachte – und ich war auch echt unaufmerksam. Zumindest nach Lara (seiner Schwester) hätte ich mal fragen können. Klar geworden ist mir aber auch wieder: Konstantin hilft mir nicht weiter. Ich muss alleine da durch. Und ich muss am Ende die wesentlichen Entscheidungen selbst treffen.

Deswegen habe ich jetzt entschieden, Malo zu suchen. Wenn diese ganzen Untersuchungen bei uns nur auf Statistiken beruhen, dann kann es ja sein, dass eine weiter entwickelte Zivilisation bereits Zusammenhänge versteht, Fakten hat, Antworten geben kann. Was-weiß-ich. Also soll Malo verdammt nochmal seine komische Außerirdischen-Untersuchung machen. Scheint mir auch nicht viel absurder als das, was ich hinter mir habe. Und wenn Malo mir glaubhaft vermitteln kann, dass das Kind in Ordnung ist, werde ich das Thema abhaken. Keine Fruchtwasseruntersuchung. Kein weiterer Stress. Sobald Konstantin morgen aus dem Haus ist, ziehe ich los. Angeblich wohnt Malo in einem Hotel nicht weit von hier.  Wir werden sehen.

Nur kurz …

Das Blut ist auch nicht okay. Das “adjustierte Risiko” ist nun bei 1:26. Alles was Konstantin dazu einfällt: “Versuch mal den Buchstaben zu erraten, an den ich gerade denke!” Super. Ich denk an GANZ andere Sachen, Konstantin.

Ich kann heute nicht schreiben.

Hau ab!

Möglich, dass das mein letzter Eintrag in meinem Blog ist. Ich hab Malo zum Teufel gejagt. Und ohne Malo … also darum ging’s ja hier eigentlich. Um diesen Psycho und … Heute hat er’s übertrieben!

Die Situation ist ja die: Ich bin schwanger und hab bei der Nackenfaltungmessung eine schlechte Prognose für unser Kind bekommen. Die Wahrscheinlichkeit ist nur 1:165, dass das Kind das Down-Syndrom haben wird. Sie SOLLTE aber irgendwo bei 1:5000 sein oder so. Seit Samstag stehe ich neben mir. Und bin trotzdem allein. Weil mein Mann … ach, vergessen wir den. Auf jeden Fall hat Malo gestern echt nett reagiert und mir – wenn auch nur kurz – das einzige gute Gefühl an diesem Wochenende gegeben. Das hat mir was bedeutet. Und heute macht er alles kaputt. Ich sitze hier zitternd vor Wut.

Montags ist Konstantins Restaurant geschlossen, deswegen ist er meistens zu Hause. Das weiß Malo. Deswegen hat er offensichtlich den halben Tag vor der Tür gestanden. Als ich nachmittags rausgekommen bin, um kurz etwas einzukaufen, ist er sofort da. Fragt, wie es mir geht. Ich finde das natürlich voll aufmerksam und auch rührend. Hab mich gefreut. Erzähl ihm von meinen Ängsten und dass ich mir dass echt überhaupt nicht vorstellen kann, mit Konstantin ein behindertes Kind großzuziehen, und dass diese Ungewissheit mich fix und fertig macht. Da schaut er mich total ernst an und sagt in so einem komischen Verschwörer-Ton:
„Ich kann dir helfen!“
„Wie? Helfen?“ frage ich. Er schaut mich NOCH verschwörerischer an und:
„Ich darf das eigentlich nicht. Der Führer darf das NIE erfahren!“
Da fand ich’s schon komisch. Ich mein: Das ist echt ein ernstes Thema und wenn er jetzt wieder seinen Außerirdischen-Quatsch da reinbringt. Das fühlte sich einfach total falsch an. Aber ich wusste ja nicht, was kommt, also höre ich ihm weiter zu. Da sagt er:
„Wir haben eine Möglichkeit … mit einem kleinen Gerät, das ich nur auf deinen Bauch halten muss …“
Er kommt näher und sagt sehr leise:
„Wir WISSEN danach, ob dein Kind gesund ist oder nicht.“

Das war für mich wie eine Ohrfeige. Der Mann hat wirklich gut reagiert am Anfang, ja. Und er ist auch sonst der Wahnsinn. Ich find ihn so toll, dass ich diese ganze „Ich-komm-von-einem-anderen-Planeten“-Nummer echt ausblenden konnte. Aber wenn er jetzt mit `nem Klumpen Alufolie auf meinem Bauch rumfahren will, um mir dann zu erzählen, dass mein Fötus mit ihm redet oder was-weiß-ich: Das ist krank! Und DAS kann ich echt nicht gebrauchen. Nicht heute. Nicht in der Zukunft. Das hab ich ihm gesagt. Und auch, dass ich ihn nie wiedersehen will. Schluss. Aus.

Morgen kommt das Ergebnis der Blutuntersuchung. Der ECHTEN Blutuntersuchung. Dann werden wir sehen, wie schlimm es wirklich ist. Nicht mein Tag. Gute Nacht.

Wespen

Ich weiß nicht, ob es mein neues Shampoo ist oder dieses beknackte Bio-Haarfärbemittel, mit dem ich meine Ansätze kaschieren wollte (hat nicht funktioniert!), aber in diesem „Sommer“ LIEBEN die Wespen mich. Manchmal komme ich unten aus der Tür und hab sofort drei Viecher um meinen Kopf herum. Ich hasse es! Eigentlich habe ich nicht wirklich Angst vor denen, aber in den Haaren möchte ich sie echt nicht haben. Ich werde zunehmend panisch.

Warum ich das erzähle? Weil es gleich wichtig wird. Heute Morgen hat Konstantin mal wieder auf Papa gemacht und ist mit Ben auf den Spielplatz gegangen. Wart ihr mal Sonntagmorgens auf  `nem Spielplatz? Nur Väter! Die glauben, mit einmal in der Woche Rutschen und Schaukeln würden sie alles wettmachen. Ich weiß, ich bin unfair. Die müssen arbeiten. Aber Konstantin hat im Moment bei mir echt verschissen. Er merkt doch, dass ich – seit wir gestern dieses furchtbare Ergebnis bei der Nackenfaltenmessung bekommen haben – neben mir stehe. Aber er sagt nichts, macht nichts, tut so, als ob alles dufte wäre. Auf jeden Fall ist er mit Ben raus und ich hab’s allein hier nicht ausgehalten. Fand mich schon wieder vor dem Computer, um mir Seiten über das Leben mit Behinderten anzuschauen. Also bin ich auch raus. Spazieren. Alleine! Wann hab ich das das letzte Mal gemacht?

Plötzlich steht Malo vor mir. Aus dem Nichts. Wie immer. Bestens gelaunt grüßt er mich mit seinem unwiderstehlichen Lächeln und erwischt mich damit so richtig auf dem falschen Fuß. Denn gute Laune und unwiderstehliches Lächeln kann ich gerade gar nicht haben. Er wollte wohl ein weiteres „Ich-lern-Planet-Erde-kennen“-Treffen verabreden, aber auf diesen Kindergarten hatte ich ÜBERHAUPT keine Lust, also hab ich ihn zusammengefaltet. Ob er jetzt nicht genug von seinem Psychokram hat. Ob er nicht besser mal wieder auf seinen Planeten verschwindet, wenn die da so viel weiter sind als wir. Und all so einen Kram. Ich hab mich richtig reingesteigert. Er war beeindruckt. Das konnte ich sehen. Genau DANN kamen die Wespen! Zwei! Im Sturzflug auf meine Haare. Es war absurd. Als ob ich Marmelade darin hätte oder was-auch-immer die gerne essen. Ich hab angefangen, panisch rumzufuchteln. Das muss echt beknackt ausgesehen haben. Meine ganze Härte und Wut war weg. Ich war nur noch ein Häufchen Elend. Wollte davon laufen. Da nimmt Malo meine Hand (das hat er noch nie gemacht). Scheucht die Wespen davon, als ob er Profi für so etwas wäre, und schaut mir tief in die Augen:
„Was ist los?“

Da kann man nicht nichts sagen. Er wusste noch gar nicht, dass ich schwanger bin. Außer Konstantin und der Frauenärztin weiß es niemand. Wir wollten wieder bis zum Ende des ersten Trimesters warten (heute!). „Weil man ja nie weiß.“ Haha. Aber ich musste Malo einfach alles erzählen. Von der Schwangerschaft und von unserer NT-Messung. Risiko für Down-Syndrom 1:165. Und was macht er, als ich fertig bin? Er nimmt mich wortlos in den Arm. Es hat mir die Welt bedeutet. Scheiße, Mann, ist DAS denn so schwer, Konstantin? Mh? Malo hat auch nicht gesagt, dass „alles schon wird“ und „warten wir doch mal ab“, sondern ein einfaches „Dir muss es sehr, sehr schlecht gehen!“ Ja, geht es! Ich wollte ihn gar nicht mehr los lassen. Und würde wahrscheinlich jetzt noch da stehen, wenn nicht plötzlich Ben um die Ecke gepest gekommen wäre.

Normalerweise geht Konstantin mit dem Kleinen immer auf so einen Mini-Spielplatz, wo Ben nicht abhauen kann, aber aus irgendwelchen Gründen war er heute mit ihm im Park. Genau da, wo ich auch war. Ich konnte mich gerade noch von Malo lösen, da kommt auch schon Konstantin angelaufen. Ich bin sofort auf Ben zugestürmt, hab ihn absurd übertrieben begrüßt, als ob ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Und war sogar zu Konstantin nett, obwohl ich eigentlich stinkesauer bin. Malo hat es sofort gerafft und ist weitergegangen, als ob er ein Passant wäre. Plötzlich rennt Ben hinter ihm her und zieht an der Jacke, ruft „Puppe, Puppe“ (weil Malo ihm immer mit so einer Fingerpuppe was vorspielt). Ich dachte, ich sterbe. Konstantin ruft: „Ben, lass den Mann in Ruhe!“ Ben zieht immer weiter. Konstantin zerrt Ben weg, entschuldigt sich bei Malo, der nur freundlich nickt und macht, dass er davon kommt. Ben weint. Konstantin schaut mich irritiert an. Ich, total drüber:
„Hier sind überall Wespen! Lass uns nach Hause gehen!“

Ich war den ganzen Tag hypernervös. Fehlt mir noch, dass Konstantin ausgerechnet jetzt was von den Treffen mit Malo mitbekommt. Obwohl ja gar nichts passiert ist. Außer diesem Alien-Quatsch. Jetzt allmählich geht es aber wieder mit meinen Nerven. Ben schläft. Und Konstantin „nutzt“ seinen freien Abend, um „endlich mal wieder“ einen alten Kumpel zu treffen.  Na ja. Ein Gutes hatte die Aktion mit Malo: Ich denk nicht mehr alle zwei Minuten über das Risiko nach. 1:165. Jetzt allerdings doch wieder. Mist.

Schlag in den Nacken

Heute muss ich mal was anderes loswerden. Mein außerirdischer Freund hat sich noch nicht gemeldet. Dafür hatten wir heute Morgen einen Termin beim Frauenarzt. DEN Termin beim Frauenarzt. Ich bin immer noch … sehr, sehr durcheinander.

Wir waren bei der Nackenfaltenmessung. Und als die Ärztin mit dem Ultraschall an der entscheidenden Stelle war, der Nackenfalte, kam da dieses: „Oh!“ Das werde ich NIE vergessen. Das ging mir durch den ganzen Körper. Konstantin musste die ganze Zeit Ben ablenken, er hat es erst gar nicht mitbekommen. Aber als wir dann diesen ausgedruckten Zettel bekommen haben mit den ganzen Maßen und Risikowerten, da war alles klar. Das Risiko für Trisomie 21 war bei Ben irgendwo bei 1:Paartausende. Heute war es bei 1:165.

Natürlich hat meine Frauenärztin zehn Mal gesagt: „Das muss noch gar nichts heißen!“, aber wieso machen wir dann diesen Test? Und wieso hat sie beim letzten Mal erzählt, dass man sich erst bei einem Risiko unter 1:300 Sorgen machen  muss. 1:165 IST unter 1:300. Sogar ein ganzes Stück. Oder? Wir sollen die Blutuntersuchung mal abwarten. Die dortigen Ergebnisse können den Wert nochmal deutlich verbessern (aber auch verschlechtern!). Dienstag kann ich sie abholen. Das werden die längsten drei Tage meines Lebens. Ich sitze jetzt schon seit einer Stunde hier und google alles über Down-Syndrom. Ich weiß. Das sollte man nicht machen. Aber ich bin so verdammt ALLEIN mit dem Mist.

Konstantin? Wollt ihr echt wissen, wie er reagiert hat? Hat sich den Zettel angeschaut. Nix gesagt. Gut, er redet nicht SO oft über seine Gefühle und ich dachte: Vor der Ärztin und so. Das will er nicht. Dann waren wir im Auto. Er wirkte sehr nachdenklich. Mir ging es beschissen. Ich frage ihn:
„Und? Was denkst du?“
Er antwortet ungelogen:
„Mich nervt’s total, dass die Hertha ausgerechnet heute am Abend spielen muss! Samstag. Warum nicht morgen, wenn ich mir frei nehmen kann!? “
Ich hätte ihm eine klatschen können. Ich hätte es wahrscheinlich auch, wenn Ben nicht dabei gewesen wäre.  Ich fauche ihn an:
„Was?“
„Bin total angefixt. Gestern Dortmund – war so’n klasse …“
„DAS ist dein Problem?“ unterbreche ich ihn wütend. „Dass unser Kind behindert sein könnte – das juckt dich nicht?!“
Er winkt ab.
„1:165. Immer noch total unwahrscheinlich. Lass uns die Blutwerte abwarten.“
Sagt es, startet den Wagen und fährt los. Das war es. Kein Wort sonst. Ich hatte dann auch keinen Bock, es nochmal anzusprechen. Hab dicht gemacht. Jetzt ist er schon los ins Restaurant und will versuchen, dass sie dort „wenigstens in der Küche“ einen Fernseher aufstellen können, weil das ja so wahnsinnig wichtig und toll ist, dass die Hertha heute spielt.

Ich wünschte, Malo wäre hier.