Frohe Weihnachten

Wir sind, was Weihnachten angeht, eher traditionell. Der Weihnachtsbaum wird erst an Heilig Abend gekauft. Dann nachmittags aufgebaut, ohne dass Ben es mitbekommt. Und wenn der Kleine ins Wohnzimmer geführt wird, steht der leuchtende Baum da mit allen Geschenken darunter. So zumindest war gestern der Plan. Ben schlief seinen Mittagsschlaf. Konstantin ging extra später ins Restaurant, um noch Baum und Bescherung mitmachen zu können.

Der Baum ist mal wieder ein wenig schief. Das hat auch Tradition bei uns. Und liegt daran, dass wir in der Regel die letzten sind, die einen kaufen. Früher fanden wir das lustig. Als Konstantin gestern mit der schiefen Tanne ankam, musste ich allerdings nur seufzen. Damit war dann schon der Tonfall fürs Schmücken gesetzt. Ich war extrem gereizt. Aus irgendwelchen Gründen fällt es seit jeher MIR zu, die Lämpchen im Baum anzubringen, obwohl das wahrscheinlich die mühevollste Aufgabe überhaupt ist, zumindest wenn man so eine 50er-Lichterkette hat. Natürlich hatte Konstantin angeboten, die Aufgabe zu übernehmen, weil ich mit meinem dicken Bauch kaum noch in die Ecke hinter den Baum passe, aber dass er aus schlechtem Gewissen mittlerweile ALLES tut, stresst mich nur noch mehr. Also habe ich darauf bestanden, die Lichter selbst anzubringen. Ich hab es gehasst! Ich hab gewurschtelt und geflucht. Mit jeder gut gemeinten Anweisung oder Hilfestellung von Konstantin wurde es schlimmer. Das gipfelte schließlich so:
Konstantin (nett): „Schatz, du bist ein wenig rechtslastig.“
Ich (supergereizt): „Was?“
„Nichts, nichts!“
„Konstantin, sag es, wenn du was sagen willst!“
„Nicht wichtig. (murmelt) Auf DER Seite sind kaum Lichter!“
Ich hasse, es wenn er murmelt. Das macht er immer, wenn er unsicher ist.
„WAS?“
„Hier sind kaum Lichter!“
„Da komm ich ja noch hin!“
„Oh. Entschuldige!“
„Du musst dich nicht dauernd entschuldigen. Das nervt.“
„Tut mir leid. Sorry!“
„Hast du dich jetzt gerade dafür entschuldigt, dass du dich entschuldigt hast?“

Da war es irgendwie aus bei mir. Ich steh da mit Tannenzweigen im Gesicht hinter dem schiefen Baum,  hab höllische Rückenschmerzen, keine Ahnung, wie ich je wieder mit dem Lämpchenkabel bei der Steckdose rauskommen soll und Konstantin steht mit diesem „Bitte-hab-mich-wieder-lieb“-Gesicht vor mir, das ich sowieso immer schon schrecklich fand. Das aber im Moment sowas von überflüssig ist. Denn: „Ich hatte auch `ne Affäre!“

Das habe ich allerdings nicht nur gedacht. Das hab ich gesagt. Ziemlich aggressiv. Zu Konstantin. Er versteht sofort, dass es mir ernst ist. Schaut mich fassungslos an.
„Ja, verdammt nochmal. Du bist nicht der Einzige. Aber du hattest deine Affäre zuerst.“
„Mit deinem Chef?“
Ich seufze, was wie ein „Ja“ klingen muss. Da schlägt das Babyfon an. Ben ist wach. Und der Baum nicht mal fertig. Konstantin wird sehr ruhig, schaltet von „Verzeih-mir“ ganz schnell auf „Du-bist-ein-Wurm“ um. Was ihn vom Gesichtsausdruck her sehr viel attraktiver macht, aber entspannt ist die Situation trotzdem nicht. Er sagt:
„Ich lenk Ben ab. Du machst den Baum fertig.“

So haben wir es dann gemacht. Es gab selten ein Geschenke-Austauschen und Weihnachtsessen, das heuchlerischer war. Wegen Ben haben wir uns beide unendlich zusammen gerissen. Und ich hab am Abend nicht einmal protestiert, als Konstantin ein paar Sachen zusammen gepackt hat, um zu Ingo zu gehen. Dort hat er übernachtet. Heute habe ich ihn noch nicht gesehen.

Noch wieviel mal schlafen?

Eigentlich ist die Woche vor Weihnachten IMMER super anstrengend. Aber diesmal kommt zu der Einkauferei, Planerei und Fragerei („wieviel mal noch schlafen?“) hinzu, dass bei uns gerade NICHTS stimmt. Die ganze Familie ist wie gelähmt. Konstantin ist aus Ärger darüber, dass ich (und nicht er) mit Ben zum Fußball gegangen bin, mit seiner gar nicht mal so attraktive Kellnerin ins Bett gehüpft. Ich wusste das nicht, hab aber trotzdem meinerseits eine Affäre mit Malo angefangen. Streng genommen, hatte Konstantin seine Affäre zuerst. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nach unserem Streit. Bei mir fing sie erst Mittwochnachmittag an. Dafür ging meine fast zwei Wochen. Und ich … ja, ich empfinde wirklich etwas für den Mann, mit dem ich die Affäre habe. Was man von Konstantin und seiner Uschi nicht sagen kann. Ihm ist die Geschichte einfach nur wahnsinnig peinlich. Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ich ihm vergebe und dass alles „wie früher“ ist. Das sagt er ständig. Das Dumme: „Früher“ war nicht alles gut. Wir hatten eine Menge Probleme und mir ist erst durch das Auftauchen von Malo bewusst geworden, wie es sein kann. Wie ein Mann sein kann. Wie ein Gefühl sein kann. Trotzdem habe ich Malo auf Distanz geschoben. Er hat daran zu knabbern. Akzeptiert es. Ich hab daran zu knabbern. Kann es nicht mehr länger akzeptieren. Denn ich bin gerade verdammt einsam. Und das ist nicht nur doof, weil morgen Weihnachten ist. Und auch nicht nur, weil ich in knapp zwei Monaten ein Kind erwarte. Einsam sein, obwohl man von lauter Menschen umgeben ist, ist IMMER beschissen.

Ich werde mit Konstantin reden. Sofort nach Weihnachten. Und ihm endlich von Malo erzählen. Denn es wird so oder so passieren. Und je länger ich es aufschiebe, desto mehr wird Konstantin sauer sein, dass ich ihn hab schmoren lassen. Vor Weihnachten ist es doof. Die Aussprache wird Konsequenzen haben und die sollen Ben nicht die Feiertage versauen, auf die er sich mit jedem geöffneten Törchen mehr freut. Außerdem müht Konstantin sich so dermaßen ab. Er hat sich den Heilig Abend frei genommen, um uns am Abend mit seiner Niedrig-Temperatur-Gans zu verwöhnen. An den Weihnachtsfeiertagen muss er dann arbeiten – das sind wirklich die wichtigsten Tage im Restaurant. Also Dienstag. In vier Tagen.